Sie lieben spät in Lissabon

Schattige Straßen, muffige Mauern, der traurige Fado: Lissabon bietet die perfekte Kulisse für melancholische Streifzüge. Wenn doch nur der Regen nicht wäre. Vor dem großen Regen bin ich da, mitten im gutgelaunten Durcheinander von Menschen, die…

Sie lieben spät in Lissabon

Schattige Straßen, muffige Mauern, der traurige Fado: Lissabon bietet die perfekte Kulisse für melancholische Streifzüge. Wenn doch nur der Regen nicht wäre.

Vor dem großen Regen bin ich da, mitten im gutgelaunten Durcheinander von Menschen, die trinken und lachen. An der Bar ist noch ein Hocker frei, der Tresen ist feucht und kalt. Jemand wischt die Flecken und Krümel zur Seite und stellt das erste Bier vor mich hin, ein Super Bock. Hinter mir stehen die Tische dicht beieinander, dort sitzen Jungen und Mädchen, die sich in die Augen schauen und verliebt ins Hühnchenfleisch beißen. Neben mir trinken zwei Mädchen Vinho Verde und hinterlassen durchsichtige Lippenabdrücke auf ihren Gläsern. Die eine dreht mir den Rücken zu, leicht gekrümmt und leicht bekümmert, die andere nickt verständnisvoll und hört gut zu. Das ist gar nicht so einfach, weil alle laut durcheinander reden.

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Am Nachmittag bin ich nach einem turbulenten Flug in Lissabon gelandet; der Pilot hatte seinen ersten Landeversuch abbrechen müssen und war voll durchgestartet, hatte die Maschine hochgerissen und sie durch den dichten Nebel gestoßen. Ich bin ein bisschen froh, noch am Leben zu sein, und schaue dem blonden Mädchen zu, wie sie hinter dem Tresen leere Teller in ein stickiges Kabuff trägt, wo zwei Männer abwaschen und kochen. Mir bringt sie dann einen vollen Teller: gegrilltes Hühnchen mit Reis, Pommes und etwas Ketchup.
«Obrigado.»
Das Lokal ist voll und vor den Türen warten welche, die auch noch reinwollen. Durch die beschlagenen Scheiben fällt kaltes Neonlicht auf das glänzende Kopfsteinpflaster. Drinnen sitzen Fremde neben Fremden, Schultern drücken an Schultern. Pärchen, Mütter und Töchter, Väter mit ihren entfremdeten Söhne, die bald selber Väter sein werden. Sie alle essen, was auf den Tisch kommt – und das ist günstig und lecker. Gegrilltes Fleisch und Gemüse, viel Fisch, viel Bier, viel Wein. Hier werden alle satt und treten zufrieden in die Nacht, mit glänzenden Gesichtern in die Dunkelheit.

Oh well,
enough said.

Für Melancholie bietet Lissabon jedenfalls die richtige Kulisse: die schattigen Straßen, die muffigen Mauern, der traurige Fado. Und sogar das Wetter spielt mit: Das Licht der Laternen tanzt in den Pfützen und zuckt unruhig umher, weil kleine Tropfen im Wasser ertrinken. Mit feuchten Socken laufe ich durch die Dunkelheit.

· · · · ·

Am nächsten Morgen reißen sie das Haus ab, in dem ich wohne. Der Gesang von dröhnenden Presslufthämmern treibt mich früh aus den Federn, aber noch nicht auf die Straße, sondern erst mal an den großen Tisch im Wohnzimmer. Zum Aufwachen brauche ich ein langes Frühstück, was Süßes, viel Kaffee. Mit Milch.

Ungeduldig tropft der Regen an die Scheibe, also los. Draußen bin ich schnell nass und sitze nach einer Weile lieber in der trockenen Tram: Linie #28, wo alle sitzen, die nur zu Besuch sind. Eine Tram voller Touristen also – und ein, zwei, drei Frauen, die nur schnell nach Hause wollen. Aufkleber warnen vor Taschendieben und kein guter Reiseführer vergisst, auf die flinken Langfinger in der #28 hinzuweisen. Deshalb sieht man hier Menschen, die verkrampft auf den Holzbänken sitzen und ihre Rucksäcke ganz dicht an ihre Körper pressen. Liebe kann auch erdrückend sein.

Die Bahn rumpelt durch die engen Straßen, vorbei an durchnässten Touristen, die durch beschlagene Brillen die Straßenbahn entdecken und ein, zwei, drei Fotos machen. Mit Blitz. Über ihren Köpfen hängen Schlüpfer und Shirts an filigranen Gerüsten, die an den Hauswänden festgemacht sind. Klitschnasse Wäsche flattert schwer im Wind oder klebt an den Fassaden. Aus den bröckligen Mauern hängen Kabel, zwischen Fliesen mit farbenfrohen Mustern, die vom Verfall ablenken. Enge Türen, enge Häuser, verwinkelte Straßen und Wege. Hier noch ein Fenster, da noch eine Tür – wohin die wohl führen? Das ist wunderschön wenn man in den Ruinen nicht leben muss.

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